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AUFGERÄUMT MIT HYGIENE-MYTHEN

Was bei der Haushalts-Hygiene alles schief laufen kann: FAIR WOHNEN beantwortet aufkeimende Fragen zum Thema Bakterien, Pilze & Co.  

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Prinzipiell kann man Herrn und Frau Österreicher ein gesundes Hygiene-Bewusstsein attestieren. Beim Umgang mit rohem Fleisch – insbesondere Geflügel – sind wir achtsam, das Schneidebrett wird auch während des Kochens getauscht bzw. abgespült und das Händewaschen gehört sowieso ganz selbstverständlich dazu. Wie kommt es denn dann, dass der Bauch trotzdem ab und an verrückt spielt? Und wie werden wir Keime, Hausstaubmilben und andere unwillkommene Gäste los? 

IM BADEZIMMER
Vorweg: Nicht alle Bakterien sind böse, ganz im Gegenteil. Im Darm helfen sie der Verdauung, auf der Haut bilden sie einen Schutz. Der menschliche Körper trägt mehr Bakterien in und an sich, als er Körperzellen hat! 
Fakt ist aber auch, dass sich Bakterien in warmen feuchten Räumen pudelwohl fühlen. Die erste Regel daher: das Badezimmer immer gut lüften! Geputzt wird mit Allzweck-, Haushaltsreiniger oder einem milden Säurereiniger. Hygienereiniger oder desinfizierende Mittel sollten Krankenhäusern, Arztpraxen oder Lebensmittelfabriken vorbehalten sein und haben im privaten Haushalt nichts verloren, sie schaden nur unnötig der Umwelt und eventuell sogar der eigenen Gesundheit. Einzige Ausnahme: bei der Pflege von kranken Angehörigen können verschärfte Maßnahmen sinnvoll sein. Wer übrigens glaubt, dass er sich im Fitness-Studio oder in der Therme einen Fußpilz zugezogen hat, sollte wissen: die Füße richtig gut abzutrocknen ist das Um und Auf – egal, ob im Schwimmbad oder nach der Dusche zuhause.

IM WOHN- UND SCHLAFZIMMER
Seit einigen Jahren feiern Sie ein fulminantes Comeback: Teppiche! Der klassische Perserteppich hat zwar ein wenig an Boden verloren, dafür erfreuen sich graphische Motive – oft aus Skandinavien stammend – größter Beliebtheit. Die schlechte Nachricht: Teppiche sind und bleiben Staubfänger. Weniger ist mehr, ist auch das Credo von Dr. Magda Diab-El Schahawi, Fachärztin für Hygiene an der Meduni Wien. „Es wird nicht möglich sein, die Wohnung völlig frei von Hausstaubmilben zu bekommen, aber man kann sie verringern, indem man etwa auf Vorhänge und Teppiche verzichtet, die nicht regelmäßig gewaschen werden können.“ Die Expertin weiter: „Raumtemperaturen um die 25 Grad Celsius bieten optimale Lebensbedingungen für Hausstaubmilben.“ Ein oder zwei Grad weniger wirken sich also nicht nur auf die Heizkosten positiv aus. 
Um eine Mär handelt es sich anscheinend bei der These, dass sich der Lurch in Altbauten schneller bildet, als in neu errichteten Wohnungen. „Lurch entsteht durch Luftzug“, erklärt etwa Christian Kruselburger,  Gebäudereinigungsmeister bei Attensam. „In Altbauten gibt es natürlich öfter undichte Fenster …“. Christian Reiger von der Hausbetreuung Wiener Wohnen ergänzt: „Lurch richtet sich eher nach der Anzahl der Personen, die im Haushalt leben – und der Haustiere.“
Aber auch zu viel Fleißarbeit wird nicht unbedingt belohnt. Wer eine Hausstaubmilben-Allergie hat, sollte so etwa nicht gleich nach dem Aufstehen die Betten machen, denn dadurch würde man den Milben nur ein angenehmes Klima schaffen. Lieber ein oder zwei Stunden mit dem Ausschütteln der Betten warten.

IN DER KÜCHE 
Der wichtigste, weil für Keime anfälligste Raum zum Schluss: Die Küche. Die meisten Österreicher sind in der Küche achtsam, wie eine Studie der AGES (Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit) vermuten lässt. So waschen sich 80 % der Befragten vor oder auch während des Kochens die Hände und sogar 86 % wechseln das Schneidebrett nach Verwendung. Dass rohes Fleisch nicht mit anderen Zutaten in Berührung kommen sollte, scheint also allgemein hin bekannt. Dass man Spülbürsten und Schwammtücher regelmäßig auswechseln, bzw. im Geschirrspüler bzw. der Waschmaschine oder auch in der Mikrowelle (siehe Kasten rechts) reinigen sollte, klingt zwar logisch, wird aber in der Praxis gerne vergessen (siehe auch Kasten auf der nächsten Seite). Die Studie ortet hier Verbesserungspotenzial. 
Jetzt zu einem heiklen Thema: der Kühlschrank. Knapp ein Viertel der Studienteilnehmer reinigen diesen nur maximal einmal im Jahr. Das ist eindeutig zu wenig. Dazu kommt: Weniger als ein Drittel hat seinen Kühlschrank bis maximal 5 oder 6 Grad eingestellt, die Mehrzahl liegt darüber – und das ist schlecht. Die Lebensmittel sollten auch nicht in Tetris-Manier geschlichtet werden. Gemüse und Obst gehören getrennt, Fleisch, Fisch und Wurst sollten ganz unten, in der kältesten Zone, lagern. Besonders in den USA – und den von dort stammenden TV-Serien, ist der „5 Sekunden“-Mythos verbreitet, der besagt: Lebensmittel, die auf den Boden gefallen sind, können noch gegessen werden, insofern man sie innerhalb von fünf Sekunden aufhebt. Die Antwort von Diab-El Schahawi fällt wenig überraschend nüchtern aus: „Das stimmt so nicht, es kommt natürlich darauf an, ob die Unterlage feucht, trocken, rein oder unrein ist.“
 
ABSCHLIESSEND
„Die bloße Existenz von Mikroorganismen ist kein Grund zur Beunruhigung“, betont die Ärztin der Meduni. „Werbekampagnen, in denen mit Bakterien Angst gemacht wird, entbehren häufig jeglicher Grundlage.“ Sauber, aber nicht rein, lautet der Grundsatz. Auch wenn wir uns bis zu 20 Mal in der Minute ins Gesicht fassen; Schwangere, kleine Kinder und ältere Menschen reagieren empfindlicher auf Keime, so gilt es dennoch, nicht zu übertreiben. Auch nicht, wenn es darum geht, die Schuld für die Magenverstimmung dem Würstelstand ums Eck zuzuschieben. 80 % gaben bei der AGES-Befragung an, die Quelle von Lebensmittelvergiftungen außerhalb der Wohnung zu vermuten. Und das ist eher unwahrscheinlich.

TEXT: Nicola Schwendinger
FOTO: © 123rf