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Der einstige Drahtesel ist mittlerweile echtes Lifestyle-Objekt und Lieblings-Fortbewegungsmittel in Großstädten geworden. Ein Bericht zur Lage der Radnation Österreich. 
 

  • © 123rf.com
Wenn am 19. Mai die bis dato größte Radsammlung der Welt – die Embacher-Collection – im Wiener Dorotheum unter den Hammer gekommen ist, finden wieder ein paar Vorzeigemodelle den Weg in neue Fahrradabstellräume – oder doch eher Wohnzimmer? Es ist erstaunlich, was für einen Spurwechsel das Image des Radfahrens in den vergangenen Jahren vollbracht hat. Vorbei sind die Zeiten, in denen Journalisten etwas abfällig das Wort Drahtesel verwendet haben, das Cyclopedia kennt heute nur noch Begriffe wie „Urban Design Bikes“ und „Electric Drivestyle“, wobei Mountainbikes nach wie vor die Bestseller im Handel sind. Die Zeitungen sind voll mit innovativen Projekten, sei es ein E-Bike, bei dem der Akku fast unsichtbar ist, der bei Spar erhältliche BikePack-Karton zum Transportieren von Einkäufen, eine Smartphone-Halterung für den Lenker oder auch einfach die neuesten Erfolgszahlen. Apropos die Zahlen: Wien hält derzeit bei einem Radanteil von gut sieben Prozent. Das ist zwar Rekord für die Donaumetropole, aber auch deutlich weniger, als sich Verkehrsstadträtin Maria Vassilakou zum Amtsantritt 2010 vorgenommen hatte. Zehn Prozent sollten es 2015 sein. Nichtsdestotrotz haben alle den Radverkehr betreffenden Zahlen ein Plus vorangesetzt. Seien es die 585.000 Nutzer der für jeweils eine Stunde Gratis-Leihräder Citybike (plus 21 Prozent im Vergleich zu 2013) oder die durchschnittliche Anzahl der Radler an frequentierten Zählstellen wie dem Opernring (plus 68 Prozent gegenüber 2010). Nicht zu vergessen die Wohnprojekte der Stadt. So beginnt etwa diesen Herbst der Bau einer geförderten Anlage im 23. Bezirk, in der eine eigene Radwerkstatt mit einziehen soll. Die ebenfalls geplante E-Bike-Tankstelle ist da fast schon ein bisschen „No na“-Standard. Man darf also festhalten: Radfahren boomt – so reißerisch das auch klingt. Nichtsdestotrotz ist Wien noch meilenweit entfernt von Städten wie Kopenhagen, in denen jeder Zweite einmal täglich in die Pedale steigt. So viele Rankings die Stadt in puncto Lebensqualität auch anführt – wenn’s um das Radl geht, steigt Wien meistens eher schlecht aus oder bleibt einfach unerwähnt. 

Nicht die besten Vorraussetzungen
Lisa Schmidt und Markus Böhm sind zwei Wiener Start-up-Unternehmer. Sie hat die Rad-WG gegründet, er gehört zum Radlager-Team – einer Mischung aus Bikeshop und Kaffeebar. Beide wurden von departure (heute: Wirtschaftsagentur Wien) gefördert. Angesprochen auf Wiens Potenzial als Radmetropole zeigen sich sowohl Schmidt als auch Böhm schaumgebremst. „Ich glaube, Wien braucht mutigere Ansätze und Lösungen, um die Situation zu verbessern. Radfahrer, Fußgänger und Autofahrer sollten an Knotenpunkten weitgehend voneinander getrennt werden“, so Böhm. Und Schmidt: „Wien als Radstadt entwickelt sich langsam, es fehlt an Infrastruktur. Wien hat aber auch eine schwierige Ausgangsbasis. Die Straßen sind recht eng, die Stadt ist dicht. Viele sagen, sie haben Angst, auf der Straße zu fahren, dafür bräuchte es eine andere Kultur – eine des Miteinanders.“ Die gebürtige Deutsche spricht mit der „schwierigen Ausgangsbasis“ einen wichtigen Punkt an, bei dem auch Wiens Radbeauftragter Martin Blum einhakt – wohlgemerkt ohne Schmidts Aussagen gehört zu haben. „Städte haben eine unterschiedliche Geschichte und andere Voraussetzungen. Die im Vergleich zu Wien deutlich kleineren Städte Amsterdam oder Kopenhagen haben in den 1970er-Jahren, zur Zeit der Massenmotorisierung, bereits begonnen, aufs Fahrrad zu setzen. In Wien startete das erst in den 1980er-Jahren. Unter den Städten mit mehr als 1,5 Millionen Einwohnern ist Wien mittlerweile durchaus als fahrradfreundlich zu bezeichnen“, so der Experte. Bei den Millionenmetropolen wird eine freilich immer wieder als Positivbeispiel angeführt: London. Die Stadt an der Themse schafft es in schöner Regelmäßigkeit mit Milliardenprojekten wie Rad-Highways in die Schlagzeilen. In Wien ist man derzeit eher bemüht, Radstraßen in möglichst vielen Bezirken zu installieren, wobei sich auch hier die Geister scheiden. Während Vizebürgermeisterin Vassilakou gerne in allen 23 Bezirken eine solche Lösung sehen würde (derzeit hält man bei zwei Radstraßen), sträuben sich etliche Bezirkskaiser dagegen. Die Gründe dafür reichen von „kein Bedarf“ bis hin zu „kein Budget“. Das Resultat ist das Gleiche: „keine Radstraße“. Was man sich aber in naher Zukunft sehr wohl erwarten darf, zählt Martin Blum auf: „Das Programm zur Öffnung von Einbahnen für den Radverkehr wird fortgesetzt – das ermöglicht kurze Wege. Mehrere hundert Radbügel werden errichtet, geplant ist weiters die Eröffnung der Fahrradgarage am neuen Hauptbahnhof Wien.“ Letzteres hat Lisa Schmidt quasi in Eigenregie bereits umgesetzt. Ihr Prototyp einer Rad-WG steht im 6. Wiener Bezirk und erfreut sich zufriedener Kunden, wie Edith M.: „Mir sind in den vergangenen 20 Jahren neun Räder durch Diebstahl abhandengekommen – dadurch hatte ich die Lust am Radfahren verloren. Die Rad-WG kam für mich im richtigen Moment. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich mein Rad hole, dass es noch da ist.“ Außerdem treffe man, so die Wienerin, jedes Mal nette Leute, bei denen man sich auch mal das eine oder andere Werkzeug ausleihen kann. Im Gegensatz zu asiatischen Radgaragen im Untergrund nutzt Schmidt ein leerstehendes Gassenlokal. Der Zutritt erfolgt mittels personalisiertem Chip. 

Im Olymp der Hipness
Es sind Ideen wie diese, die die Entscheidung für ein Fortbewegungsmittel in den Olymp der Hipness katapultieren können. Ein sündhaft teures Bike kaufen kann sich jeder, der genug Geld hat oder lange genug spart, aber es sind eben wie so oft die Details, auf die es ankommt. Gepolsterte Ledergriffe zum Beispiel, gefertigt in der Werkstatt von Stefanie Kerschbaumer. Der Auftraggeber sucht sich hierbei sogar die Garnfarbe selbst aus, mehr Individualität geht wirklich nicht und ohne Individualität geht heutzutage sowieso nichts mehr. Das beweist auch das Grazer Jungunternehmen Bike Citizens, gegründet von zwei ehemaligen Fahrradboten. Die von ihnen entwickelt Navi-App unterscheidet etwa, ob man mit einem Mountainbike unterwegs ist – oder doch mit dem Anhänger inklusive Kleinkind. Die App ist gratis, die Städtepakete (für über 100 Destinationen) kosten 4,99 Euro. Die Wiener und Grazer Versionen gibt es dank Kooperationen mit den Städten nach Installation der App gratis. Ein kostenloses Städtepaket erhalten aber auch alle, die binnen 30 Tagen mehr als 100 Kilometer mit der App radeln, berichtet Pressesprecher Christian Kaier. Das Grazer Team, dessen Smartphone-Halterung Finn übrigens die meistverkaufte weltweit ist, tüftelt derzeit an weiteren Innovationen. So sollen künftig Ampelschaltungen angezeigt werden, damit der geneigte Nutzer weiß, ob es nicht vielleicht Sinn macht, das eigenen Tempo etwas zu drosseln, um die nächste Ampel doch lieber bei Grün zu erreichen. In diese Entwicklung könnte man das vielleicht meist strapazierte Klischee des Fortbewegungsmittels hineininterpretieren: das der Rambo-Radfahrer, die viel zu rasant über die Kreuzung breschen, ja lebensgefährlich schnell sogar. Hierzu eine letzte, hochinteressante Notiz: Der VCÖ (Verkehrsclub Österreich) hat erhoben, dass es selbst beim Tischtennis zu mehr Unfällen kommen soll als beim Radfahren. So viel dazu.

E-Bikes und Förderungen 
2014 wurden 50.000 E-Bikes in Österreich gekauft, das Elektrorad mausert sich langsam vom Trend zum Fixstarter auf den hiesigen Straßen. Der Ausbau des Tankstellennetzes schreitet ebenso zügig vo­ran, eine Übersicht der Wiener Ladestationen findet man auf www.tanke-wienener­gie.at. Tipp: die „Tanke Wien Energie“-App. 
Die Förderung der Anschaffung ist in der Hauptstadt leider ausgelaufen, dafür freut man sich in Graz über eine E-Bikemiete von 185 Euro für ein Jahr. Das Angebot gilt für alle S-Bahn-Jahreskartenbesitzer. 
Infos auf www.e-steiermark.com. 
Die Stadt Salzburg fördert heuer den Erwerb von Fahrradanhängern und Lastenrädern. Infos auf www.stadt-salzburg.at
Tipp: Das Wiener Unternehmen Freygeist bringt ein E-Bike auf den Markt, bei dem einem nicht als Erstes ein klobiger Akku auffällt. Pre-Order auf www.freygeist-bikes.com 

Rahmenbedingungen
MieterInnen können Fahrrad-Abstellmöglichkeiten einfordern, sollten sich im Haus nicht andere Möglichkeiten fürs Abstellen finden lassen. Für Häuser, die dem Mietrechtsgesetz voll unterliegen, gibt es einen Ausweg. Dort kann die Mietergemeinschaft das Errichten eines Abstellraums mit einem Antrag auf Verbesserungsarbeiten bei der Schlichtungsstelle bzw. beim Gericht durchsetzen. Voraussetzung dafür ist es, dass eine Mehrheit der MieterInnen diesen Antrag unterstü̈tzt. Infos: www.mvoe.at

Text: Nicola Schwendinger
Foto: 123rf