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DIE NEUEN SPRIESSGESELLEN

Seit Jahren erfreuen sich Gemeinschaftsgärten in Wien großer Beliebtheit. FAIR WOHNEN über neue Projekte, Förderungen und den Spaß beim Buddeln im Beet.

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Herr K. hat auf vier Quadratmetern ein Stück Heimat großgezogen. Heimat, nicht Zuhause. Herr K. kommt aus Afghanistan, zu Hause ist er seit einigen Jahren in Wien. Heute erntet er eine spezielle Minzsorte, die seine österreichischen Nachbargärtner noch nie gesehen haben. Die Gärtner tauschen Rezeptideen aus, stecken ei­nander Obst und Gemüse zu. „Probier das mal!“ Ganz unkompliziert und noch dazu gut fürs Ego von Herrn K. Der Mittfünfziger teilt nicht nur Minze, sondern vor allem Wissen. Herr K. und seine Gartenkollegen sind somit ein perfektes Beispiel dafür, worum es in Gemeinschafts- und interkulturellen Gärten geht. Natürlich auch darum, den 50-Prozent-Grünanteil in der dicht besiedelten Stadt noch weiter zu erhöhen. Und, ja klar, es ist ein nettes Hobby – wer isst nicht gerne selbst angepflanztes Obst und Gemüse? Was die Menschen aber wirklich dazu bringt, Teil der hochgepriesenen „Share Economy“ zu sein, ist die Gemeinschaft, die in der Soziologie folgendermaßen definiert wird: „… eine kleine menschliche Gruppe, deren Mitglieder – oftmals über Generationen – durch ein starkes, emotionales Zusammengehörigkeitsgefühl (Wir-Gefühl) eng miteinander verbunden sind.“ Die Idee der Nachbarschaftsgärten geht auf die sogenannten Community Gardens zurück, die in den 1970er-Jahren in New York entstanden sind. Mit der üblichen Zeitverzögerung ist die Idee auch in Wien gekeimt. Der Mädchengarten in Simmering war 1998 eines der ersten Projekte in der Hauptstadt. Seit 2010 ist die Zahl der Kollektivbeete kontinuierlich und teilweise sprunghaft gestiegen. Zeitweise wurde von einem regelrechten Boom gesprochen.

Neun Bezirke sind noch zu haben
Im April 2014 zählt man beim Verein Gartenpolylog circa 45 Gemeinschaftsgärten. „Circa“ ist in diesem Fall ein wichtiger Zusatz. Eine vollständige Liste gibt es einfach nicht. Jeder Garten ist anders organisiert, manche auch rein privat. Wer sich dagegen auf einem öffentlichen Grund und Boden zusammenfindet, hat gute Chancen auf eine finanzielle Förderung der MA 42 (Wiener Stadtgärten). Unterstützt wird jeweils ein Garten pro Bezirk – mit maximal 3.600 Euro. In den Bezirken 1, 4, 5, 6, 10, 13, 14, 18 und 19 sind laut Eva Hofer-Unger von der MA 42 noch Förderungen möglich. Von der MA 48 gibt’s die passende torffreie Erde dazu, und sollte eine Maschine fehlen, hilft die MA 42 auch mal unkompliziert mit ihren Geräten aus. An der Ausrüstung sollte es also nicht scheitern. Problematischer ist es da schon, ein passendes Grundstück überhaupt zu finden, wie Yara Coca Domínguez, Obfrau des Vereins Gartenpolylog, einwirft. „Bisher kommt man zu diesen Infos eher informell durch Hörensagen, eine aktuelle und vollständige Auflistung wäre natürlich wünschenswert. Genauso wie klare Ansprechpersonen in den Bezirken.“ Eva Hofer-Unger empfiehlt, sich als Erstes an die jeweilige Gebietsbetreuung (kurz GB*) zu wenden, „die haben den besten Überblick. Dann kommt man schon zusammen.“ Um eine Zustimmung der Bezirksvorstehung kommt man in weiterer Folge nicht herum. Und das kann mitunter – da sind sich beide Damen einig – ein bisschen mühsam sein, je nachdem wie man im Bezirk zum Garteln stehe.

Vergessen Sie Wartelisten!
Wer nicht gleich initiieren, sondern erst mal nur mitmachen möchte, kann schnell das Gefühl haben, an den Wartelisten zu scheitern. Fakt ist: Es gibt immer wieder neue Nachbarschaftsgärten und bereits bestehende, die sich noch über Mitglieder freuen, wie etwa Georg Demmer von den Salat Piraten in der Kirchengasse bestätigt. Am 1. Juni kann man erste zarte Bande knüpfen. Anlässlich des internationalen „Chelsea Fringe“-Festivals wird an der Ecke Zeismannsbrunngasse/St. Ulrichsplatz gefeiert. Hofer-Unger wirbt für kommende Gärten in Matzleinsdorf und im Helmut Zilk-Park (beides 10. Bezirk). Aus dem Büro von Wohnbaustadtrat Michael Ludwig (SPÖ) kommt die Meldung, dass man sich derzeit für ein Beet im Währinger Park bewerben kann (per E-Mail an gb18@gbstern.at) und Projekte im 3. und 21. Bezirk (Eurogate und Donaufeld) in Vorbereitung sind. Die letzten beiden Stückchen Erde sind jeweils temporär angelegt. Solche Zwischennutzungen sind quasi „ein Trend im Trend“. In der Seestadt Aspern ist eben erst ein solcher Garten übersiedelt, Beete sind wieder zu haben (per E-Mail an garten@aspern-seestadt.at). Es ist zu erwarten, dass gerade in Aspern nach und nach weitere Gärten aufpoppen werden, bei Bauträgern wie EBG oder ÖVW nachzufragen, schad’t und kost’ nix. Wer nicht fündig wird oder nicht so weit fahren möchte, hat in Wien noch andere Möglichkeiten, sich auszutoben. Weniger gemeinschaftlich, aber trotzdem charmant ist die Initiative „Garteln ums Eck“, die das Pimpen von Baumscheiben im Sinn hat. Dafür einfach ein Foto machen, die Baum-Nummer (ersichtlich am Stamm) und die Adresse der gewünschten Baumscheibe an die jeweilige Gebietsbetreuung schicken.

post@ma42.wien.gv.at
Gartentelefon: 4000-8042
www.gbstern.at
www.gartenpolylog.org
www.selbsternte.at
Bio-Zentrum Lobau: Tel.: 02249/2300

Fotos: 123RF, Thinkstock