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MENSCHLICHKEIT OBERSTES GEBOT

MVÖ-Präsident Georg Niedermühlbichler spricht mit dem Landesgeschäftsführer des Arbeiter-Samariter-Bundes Wien Oliver Löhlein über Menschen in Not.

  • © Sebastian Freiler
Herr Löhlein, historisch gesehen ist der Arbeiter-Samariter-Bund eine Rettungsorganisation. Aber heute ist die Bandbreite des Angebots weit mehr als der Transport von Kranken, oder?
In seinen Anfängen war der Arbeiter-Samariter-Bund eine reine Rettungsorganisation. Zwischenzeitlich haben wir uns aber zu einer umfassenden Gesundheits- und Sozialorganisation entwickelt, in der das Rettungswesen selbstverständlich immer noch eine große Rolle spielt. Die Gründung des Vereins fällt in die 1930er-Jahre. Innerhalb des Arbeiterbundes für Sport und Körperkultur (ASKÖ) wurde 1927 der Österreichische Arbeiter-Samariterdienst gegründet. Hauptaufgabe war die Versorgung und Erste-Hilfe-Leistung von Verletzten bei Sport- und Freizeitunfällen. Dieses Aufgabengebiet ist auch heute noch von großer Relevanz für uns. So betreuen wir neben diversen Sportveranstaltungen zum Beispiel auch das Donauinselfest oder den Silvesterpfad. Erfahrung und gut geschultes Einsatzpersonal sind bei solchen Events von großer Bedeutung, denn es geht um die Sicherheit der Besucher. 

Was sind nun die Aufgaben des Arbeiter-Samariter-Bundes?
Der Arbeiter-Samariter-Bund ist in Österreich im Rettungs- und Krankentransport, in der Pflege, in der Flüchtlingshilfe, im Wohnungslosenbereich und vielen anderen sozialen Bereichen tätig. International und natürlich auch national ist der Samariterbund regelmäßig in der Katastrophenhilfe im Einsatz. Unser großer Vorteil ist generell, dass wir ein umfassendes Dienstleistungsangebot aus einer Hand anbieten können. Dies reicht vom Krankentransport über die Pflege mit Heimhilfe, die Hauskrankenpflege, den Besuchsdienst bis hin zum Essen auf Rädern, dem Heimnotruf, oder auch betreuten Wohngemeinschaften. Wir pflegen, betreuen, beraten und versorgen täglich Hunderte Menschen und führen drei Sozialmärkte in der Stadt. Nicht zu vergessen: Wir betreiben ein Lerncafé im 2. Bezirk.

Hier werden Jugendliche unterrichtet?
Ins Lerncafé kommen sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche bis 14 Jahre, die Unterstützung beim Lernen benötigen. Montag bis Freitag ist das LernLEO geöffnet, wir unterstützen bei Hausaufgaben, lernen mit den Kindern, helfen den älteren Kindern aber auch bei der Suche nach einer Lehrstelle. Dort, wo Hilfe notwendig ist, versuchen wir zu unterstützen. Und um nochmals auf die Sozialmärkte zurückzukommen: Menschen mit niedrigem Einkommen können hier um zwei Drittel des Normalpreises einkaufen. Die Waren werden von uns bei den Händlern abgeholt, allein das erfordert bereits eine ausgeklügelte Logistik. 

Derzeit spielt die Betreuung der Flüchtlinge sicher eine Hauptrolle?
Ja, selbstverständlich ist die Flüchtlingshilfe für uns derzeit ein zentrales Thema. Die Betreuung von Menschen auf der Flucht ist für uns aber bereits seit vielen Jahren ein wichtiger Aufgabenbereich. In der letzten Zeit konnten wir beispielsweise in der Arbeit mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen einige sehr positive Betreuungserfolge erleben. Aktuell betreut der Samariterbund Wien über 10 Häuser in Wien, in denen mehr als 1.500 Flüchtlinge untergebracht sind, und ist selbstverständlich auch auf den Bahnhöfen sehr aktiv. Für ganz entscheidend halte ich, dass die Flüchtlinge rasch die Möglichkeit bekommen, Deutsch zu lernen. Sowohl für das Zusammenleben als auch für die Entwicklungschancen der Menschen selbst ist das Erlernen der Sprache unabdingbar. Gibt man den Menschen die Chance Deutsch zu lernen, sind sie mit großem Eifer am Werk. 

Sind nach wie vor viele Freiwillige im Einsatz?
Die Unterstützung aus der Bevölkerung ist unglaublich. Wir erleben tagtäglich von unterschiedlichsten Menschen vielfältige Hilfe. Aber natürlich haben ehrenamtliche HelferInnen auch andere Aufgaben in ihrem Leben zu erfüllen. Und momentan merken wir, dass es für viele schwieriger wird, in gleichbleibender Intensität zu helfen. Das ist bei einem längeren Hilfseinsatz aber völlig normal. Achtgeben muss man auch, dass die vielen Schicksale, die Freiwillige von den traumatisierten Menschen berichtet bekommen, nicht wiederum bei diesen selbst zu einer Traumatisierung führen. Hier gilt es auch, entsprechende Gesprächspartner zu haben und Auszeiten zu nehmen.

So mancher fordert jetzt ein, die Nöte der eigenen Bevölkerung über die der Flüchtlinge zu stellen. Was gibt es hier zu entgegnen?
Die Stadtregierung Wiens hat immer schon enorm viel für die soziale Ausgewogenheit in dieser Stadt getan, indem sie gerade für jene Gruppen, die Hilfe brauchen, Maßnahmen gesetzt hat. Wenn man den internationalen Vergleich anstellt, wird schnell deutlich, dass Wien immer im oberen Drittel 
aller Statistiken liegt. Zum Beispiel im Zusammenhang mit Pflegeheimen: Da kommen Delegationen aus anderen Städten nach Wien und sind durchwegs über das breit aufgestellte Angebot erstaunt. Es wird in Wien gut überlegt, wer eine finanzielle Hilfestellung bekommt und wer nicht. Es muss klarerweise Spielregeln geben, und darum bemühen wir uns als Verein, wenn wir eine soziale Einrichtung führen. Wichtig ist auf alle Fälle, dass das Zusammenleben funktioniert. Es darf nicht wichtig sein, ob ein Wohnungsloser oder ein Flüchtling Hilfe benötigt. Es geht darum, Verständnis und Hilfe für jeden Schutzbedürftigen zu zeigen.

Menschlichkeit ist eben das oberste Gebot. Auch beim Thema der Wohnungslosen regieren die Vorurteile. Warum jemand sein Zuhause verliert, hat doch viele Gründe?
Es gibt viele unterschiedliche Gruppen von Wohnungslosen, die haben ganz verschiedene Probleme: Scheidung, der Verlust des Arbeitsplatzes, Probleme mit Alkohol, aber auch Erkrankungen. Es gibt erstaunlich viele Menschen, die wegen einer schweren Krankheit ihren Arbeitsplatz verlieren. Der Verlust einer Wohnung passiert schneller, als man denkt. Ein Klassiker ist auch eine Scheidung, die jemanden völlig aus der Bahn werfen kann. Die Vorverurteilung „selber schuld“ lehne ich persönlich grundsätzlich ab. Denn wenn man sich die Lebensgeschichten der einzelnen Menschen anhört und sich die Biografien näher anschaut, dann passt die Beurteilung „Na, der ist ja nur versoffen“ gar nicht mehr. Oft sind diese Menschen von Anfang an nicht auf die Butterseite des Lebens gefallen, sondern ohne Eltern in einem Heim aufgewachsen und haben furchtbare Dinge in ihrer Kindheit erlebt. Uns geht es darum, diesen Menschen dabei zu helfen, Stabilität zu gewinnen und sich neue Perspektiven zu eröffnen.

Sind mehr Männer als Frauen von Wohnungslosigkeit betroffen?
Das kann man nicht so eindeutig quantifizieren. Unter Frauen existiert eine hohe versteckte Wohnungslosigkeit, weil sie oft über einen langen Zeitraum bei Freundinnen oder Freunden leben. Denn eine Frau auf der Straße ist sehr schutzlos.

Bei allen diesen Aufgaben. Was wünschen Sie sich bis Ende des Jahres?
Ich wünsche mir für die schutzsuchenden Menschen, dass die Bevölkerung auch weiterhin bereit ist zu helfen und auch genügend Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt werden. Ich bin überzeugt davon, dass wir diese Herausforderung, wie so viele andere, bewältigen können. Man muss vieles als Chance begreifen und nicht nur Angst und Sorge walten lassen. 

Foto: Sebastian Freiler