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„STOLZ AUF MEINE ZIELSTREBIGKEIT"

Der ehemalige Sozialminister Rudolf Hundstorfer befindet sich Mitten im Wahlkampf um das höchste Amt im Staat. Der Hofburg-Kandidat im Gespräch.

  • © Matthias Heschl
Georg Niedermühlbichler: Vor vier Jahren führten wir für FAIR WOHNEN bereits einmal ein Gespräch. Damals warst du Sozialminister, heute bist du Kandidat für die nächste Präsidentschaftswahl. War dieser Posten für dich eigentlich ein Sandkistentraum?
Rudolf Hundstorfer: (lacht) Nein, das Einzige, was in meinem beruflichen Leben eine gewisse Planung hatte, war meine Laufbahn innerhalb der Gewerkschaft der Gemeindebediensteten. Ansonsten hat sich irgendwie immer alles eher ergeben. Aber ich habe stets Chancen ergriffen, bin quasi immer durch offene Türen gegangen, nachdem ich grundsätzlich vor Neuem 
keine Angst habe. Auch bei der Präsidentschaftskandidatur habe ich gesagt: „Ich nehme diese Herausforderung an“, auch wenn mir damit sicher eine massive Lebensveränderung bevorsteht. Aber in der Sandkiste habe ich ganz sicher noch nicht davon geträumt. 

Was war denn dein Berufswunsch in der Jugend?
Da wollte ich Lokführer werden. Die halbe Familie ­– mein Bruder, drei Onkel und ein Großvater – war bei der ÖBB, das hat mich natürlich geprägt.
 
Was war in deinem bisherigen Job die größte Herausforderung?
Das war sicher die ganze ÖGB-Bawag-Situation im Jahr 2006. Und natürlich die Wirtschafts- und Finanzkrise, die mich als Minister vor eine große Herausforderung stellte: Wie geht man damit um, welche Instrumentarien hat man hier eigentlich zur Verfügung? Was kann man alles tun? Das hat grundsätzlich auch ganz gut geklappt … Aber körperlich gesehen waren am anstrengendsten sicher die ersten paar Monate als Präsident des Österreichischen Gewerkschaftsbunds.
 
Du wirkst beruflich wie auch privat immer sehr ruhig, ja fast schon gelassen. Ist diese Ruhe, diese Gelassenheit eine deiner Stärken?
Ich glaube schon, denn mit Hektik und übertriebener Emotionalität löst man kein Problem. Ich erarbeite mir lieber mit einer gewissen Ruhe – und natürlich auch Konsequenz – Problemlösungen, das hat mein ganzes Leben geprägt. Ich schaue lieber, wo ich Menschen, auch mit gegensätzlichen Meinungen, zusammenbringen kann. Ich lebe nicht nach der Devise: „Noch tiefere Gräben graben …“, sondern versuche, eine Brücke zu spannen. Mein ganzes Leben habe ich mich in diese Richtung bewegt.
 
Du warst in den vergangenen Jahren Bundesminister für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz und als solcher auch zuständig für den Bereich Wohnen. In dieser Zeit sind auch einige Punkte durchgesetzt worden, die uns als Mieterschützer freuen. Ich erinnere mich etwa an die Maklerprovision, die von drei auf zwei Monatsmieten reduziert wurde. Im Hintergrund hast du da sehr viele wichtige Gespräche geführt. Auch bei der kleinen Wohnrechtsreform hast du intensiv mitgearbeitet. Und nun gibt es die Aussetzung der Mieterhöhungen für die Richtwertmieten – war das quasi ein kleines Abschiedsgeschenk als Minister an die Mieterinnen und Mieter?
Es waren ja mehrere Menschen daran beteiligt und ich war einer von ihnen. Das steht natürlich auch im massiven Zusammenhang mit einer Steuerreform. Die Menschen sollen noch mehr erkennen können: „Hallo! Da bleibt jetzt wirklich etwas über!“ Deshalb war mir immer so wichtig, dass dieses Gesetz auch tatsächlich umgesetzt wird und dass wir das jetzt wirklich wieder einmal zusammenbringen.    
 
Wie wehmütig bist du, wenn du nun deine spannende, wenn auch anstrengende Zeit als Gewerkschaftschef und Minister hinter dir lässt und auf etwas Neues zusteuerst?
In Wahrheit gar nicht. Weil, und das klingt jetzt ein bissl hart, wenn man sich entscheidet, einen Strich zu machen, dann muss man einen Strich machen. Und ich habe einen Riesenvorteil: Ich habe mich selbst entschieden, für dieses Amt zu kandidieren. Es hat mich niemand anderer delegiert, ich musste selber „Ja!“ sagen. Und in dem Augenblick, in dem man das sagt, muss einem klar sein, dass die Vergangenheit zwar toll, ja super war, hochinteressant, sehr herausfordernd – aber eben auch Vergangenheit ist. Und die Zukunft bedeutet ein anderes Amt. Demzufolge blicke ich nicht zurück mit Wehmut, sondern denke, ich habe einen ganz guten Job gemacht, und jetzt gehen wir’s an, jetzt machen wir weiter! 
 
Du kommst aus einfacheren Verhältnissen und hast dich hochgearbeitet. Wie stolz ist man da auf sich selber?
Ich glaube, ich habe die Chancen, die sich mir boten, so gut als möglich wahrgenommen. Worauf ich schon stolz bin, ist, dass ich Dinge immer mit einer gewissen Zielstrebigkeit verfolgt habe. Wenn mancher vielleicht auch dachte: Das schaut alles zu gemütlich aus … Nein, es war immer auch ein bisschen ein Druck dahinter, ein Punch. Es war mir halt möglich, diesen sogenannten „sozialen Aufstieg“ wirklich zu leben. Das ist doch etwas, was in den vergangenen 40 bis 50 Jahren die Sozialdemokratie auch mitgeprägt hat: Dass man in diesem Land wirklich persönlich mitgestalten kann, selbst als Jugendlicher. Und darauf kann man schon stolz sein.
 
Siehst du es als Vorteil, wenn man  weiß, wie es Menschen geht, die es vielleicht nicht so gut haben? 
Ja, das hilft. Es hilft etwa massiv, wenn man selber mit sogenannter „Toilette am Gang“ aufgewachsen ist. Meine Familie hat nie Hunger gelitten, aber es war trotzdem immer sehr viel Einteilung notwendig. Man weiß also, von was man redet, wenn man in der heutigen Zeit einkommensschwachen Menschen helfen möchte. Man muss einmal von 900 oder 1.000 Euro leben! Es gibt ja manche, die meinen: Das muss doch reichen! Aber man muss wirklich schauen, wie es diesem Betroffenen geht. Wenn man aus einer ähnlichen Situation gekommen ist,
reflektiert man, glaube ich, da ganz anders. 
 
Du bewirbst dich ja jetzt für das „höchste Amt“ im Staat, wie es formal heißt. Was würdest du als größte Herausforderung für das Amt des Bundespräsidenten in den kommenden Jahren sehen?
Ich glaube, dass die größte Herausforderung sein wird, den sozialen Zusammenhalt gut zu bewerkstelligen. Die gemeinnützige Gesellschaft darf nicht auseinanderbrechen. Wir müssen so gut als möglich zusammenhalten und füreinander da sein, damit wir in diesem, wie ich persönlich finde, doch auch mit viel Sicherheit ausgestattetem Land weiterhin gut leben können. 

Kann man damit rechnen, dass du notfalls auch einmal eine klare Botschaft an wen auch immer 
ausrichten wirst? Auch Heinz Fischer hat das eine oder andere Mal durchaus pointiert klar gemacht, was 
Sache ist … 

Ja, ich glaube, es gehört auch zu diesem Amt dazu, nicht nur im Arbeitszimmer oder hinter den Kulissen zu reden, sondern sehr öffentlich eine Meinung kundzutun und Dinge klarzustellen. Das haben Vorgänger sehr gut gemacht und ich gehe davon aus, dass ich, wenn ich diese Herausforderung gewinnen kann, es genauso machen werde.

Wir kennen einander schon lange und ich könnte wirklich keinen anderen Politiker benennen, der so den Kontakt zur Bevölkerung sucht und hält wie du. Die Beziehung zu den Menschen ist dir offensichtlich ganz wichtig. Willst du das auch als Bundespräsident so weiterleben?
Ja, ich möchte an und für sich schon versuchen, eine sogenannte „offene Hofburg“ zu leben. In Wahrheit ist das ja auch eine meiner größten Stärken, mit allen Menschen zu kommunizieren und auch von ihnen zu lernen. Ich möchte nicht im Elfenbeinturm sitzen.  

Zur Verabschiedung hat dir Bundeskanzler Faymann eine Krawatte geschenkt. Weißt du schon, zu welchen Anlässen du sie tragen wirst? Oder hast du sie sogar bereits getragen?
(lacht) Nein, das habe ich noch nicht. Ich werde sie am Abend des 24. April tragen, wenn der erste Wahlgang positiv über die Bühne geht. Und dann natürlich noch einmal am 22. Mai – sie kommt schon zum Einsatz …

Bis dahin heißt es kämpfen, kämpfen, laufen! Und wir werden dich nach allen Kräften unterstützen.
Danke schön.


ZUR PERSON:
Erfahrung mit Chefposten hat Rudolf Hundstorfer zur Genüge. Der 1951 in Wien geborene Politiker startete seine Laufbahn als Kanzleilehrling im Magistrat der Stadt Wien und engagierte sich seit den frühen 1970er-Jahren in der Gewerkschaft der Gemeindebediensteten (GdG), dessen Vorstand er 2003 übernahm. Von 1995 bis 2007 war Hundstorfer der Vorsitzende des Wiener Gemeinderates. Seit 2008 bekleidete er das Amt des Bundesministers für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz. Privat ist Rudolf Hundstorfer verheiratet, hat eine Tochter, zwei Stiefkinder und auch bereits das erste Enkelkind.

Foto: Matthias Heschl