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HINSCHAUEN UND UNTERSTÜTZEN

MVÖ-Präsident Georg Niedermühlbichler traf Bildungs- und Integrationsstadtrat Jürgen Czernohorszky und sprach mit ihm über Digitalisierung, Kinderrechte und die neue Schul-Architektur.

  • © SPÖ
Georg Niedermühlbichler: Lieber Jürgen, bist du selbst eigentlich gerne zur Schule gegangen?
Jürgen Czernohorszky: Ja, sehr gerne! In erster Linie wegen einiger großartiger Menschen – wegen meiner Freunde und einiger Lehrer, die mich begeistern konnten.

Seit knapp einem halben Jahr bist du nun amtsführender Wiener Stadtrat für Bildung, Integration, Jugend und Personal. Was erweist sich als größte Herausforderung in deinem neuen Amt? 
Ein Thema, das sich im Grunde durch alle Ressorts zieht, ist das Wachstum der Stadt: Wien ist ein dynamischer Ballungsraum, der stark wächst. Dass in Wien jedes Jahr 2.500 Kinder dazukommen, ist natürlich eine echte Herausforderung für uns, aber auch eine Chance, weil wir als einziges Bundesland die Möglichkeit haben, ständig neue Schulen und Kindergärten zu bauen. Mir ist wichtig, dass wir daran arbeiten, dass sich das Bildungssystem von Unterricht bis Schulbau noch mehr an die Bedürfnisse und Fähigkeiten der Kinder anpasst und nicht umgekehrt. Da passiert unglaublich viel Neues: Ein Beispiel dafür ist das Modell des Bildungscampus, wo soeben der elfte Standort in die konkrete Realisierungsphase gegangen ist. Allein in meinem Ressort investieren wir heuer 106 Mio. Euro in neuen Schulraum.

Und was liegt dir besonders am Herzen, was ist quasi dein „größtes Projekt“?
Erst vor Kurzem habe ich das „Wiener Bildungsgrätzl“ präsentiert, das mir ganz besonders am Herzen liegt: Die Wiener Bildungsgrätzl sind lokale Kooperationen von verschiedenen Lerneinrichtungen, aber auch mit Vereinen, Initiativen und Einrichtungen in unmittelbarer Umgebung, die etwas zum Lernen beitragen können. Da gibt es bereits Projekte, auf die man aufbauen kann, wie beispielsweise das Bildungsgrätzl Schönbrunn, wo Kinder vom Kindergarten bis zur Oberstufe durchgehend Spanisch lernen können. Und es gibt Initiativen in Umsetzung wie zum Beispiel das Bildungsgrätzl rund um die Spielmanngasse und die Dietmayrgasse in Wien-Brigittenau. Grundgedanke dabei ist, dass nicht die einzelne Bildungseinrichtung im Mittelpunkt steht, sondern das lernende Kind.

Die Digitalisierung macht auch vor Schulen nicht halt. Siehst Du die Smartphones, Tablets & Co der Kinder eigentlich als Fluch oder Segen? 
Digitale Medien sind schon jetzt Teil unserer Lebenswelt und brauchen deshalb auch ihren Platz in der Schule. Eine Auseinandersetzung mit der digitalen Medienwelt muss selbstverständlicher Teil des Schulalltags sein. Tablet-Projekte in Wiener Schulen zeigen schon jetzt, dass der Einsatz pädagogisch sinnvoll ist und den individuellen Zugang zu Lerninhalten erleichtert. Denn digitale Medien bieten vor allem auch die Möglichkeit, Lernen für Schülerinnen und Schüler individuell zu gestalten und sie gezielter zu fördern.

Mobbing in Schulen, etwa auch Cybermobbing, ist leider immer wieder ein sehr präsentes Thema. Wie kann man dagegen vorgehen als VertreterIn einer Bildungseinrichtung, aber auch als Elternteil?
Ich denke, es ist sowohl Aufgabe von Eltern als auch von Pädagoginnen und Pädagogen, Kinder bei ihrer Entwicklung zu selbstbewussten und kritikfähigen Menschen bestmöglich zu unterstützen. Denn dann wird es ihnen auch gelingen, mit Mobbingversuchen – sei es in der Klasse oder den sozialen Medien – entsprechend souverän umzugehen. In diesem Zusammenhang ist mir auch das Thema Kinderrechte ein besonderes Anliegen, ich habe in meiner Zeit als Stadtschulratspräsident auch einen eigenen Kinderrechte-Beauftragten eingesetzt. Es ist erfreulich, dass Kinderrechte von den Wiener Schulen zunehmend auch als eigener pädagogischer Schwerpunkt wahrgenommen werden.

Die Frage, die die Gemüter immer wieder hochkochen lässt, ist die, wie nicht deutschsprachige Kinder in den Unterricht ­– und somit ja auch ins normale Leben – integriert werden können. Was sind deine Ansätze?
Es gibt in Wien viele Kinder, die intensive Förderung beim Deutschlernen brauchen. Das ist eine große Herausforderung für Lehrerinnen und Lehrer. Und unsere Antwort darauf muss sein: Hinschauen und starke Unterstützung anbieten! Wir brauchen in unserem 
Bildungssystem die Erkenntnis, dass dort, wo mehr Herausforderungen sind, auch mehr Ressourcen sind. Es ist erfreulich, dass die Bildungsministerin dies aufgegriffen hat und die Zusatzmittel für Schulen aus dem Integrationstopf nach einem „Chancenindex“ verteilt werden. Neben Sprachfördermaßnahmen werden daraus unter anderem mobile interkulturelle Teams und Schulsozialarbeiter finanziert, die die Lehrerinnen und Lehrer gezielt unterstützen. Davon profitieren alle Kinder in einer Klasse!

Unser Thema in diesem Heft ist ja auch, wie gelebt wird. Gibt es Dinge, die dir in architektonischer Hinsicht wichtig erscheinen bei den neu zu errichtenden Bildungsanlagen, etwa den Campussen? 
Grundsätzlich sind für uns die Erfahrungen mit den ersten fünf Bildungs -campus-Standorten sehr positiv: Das Konzept wird von PädagogInnen, Kindern und Eltern sehr gut angenommen, wird aber auch laufend weiterentwickelt. Für die Architektur bringt das jedes Mal auch neue Herausforderungen mit sich: So haben wir beispielsweise beim Campus Sonnwendviertel mit sogenannten „Marktplätzen“ gemeinsam nutzbare Flächen für mehrere Klassen geschaffen. Auch in Aspern sind Kindergartengruppen und Klassen rund um einen gemeinsam nutzbaren Bereich angeordnet. Wesentlich ist hier auch, dass all diese Bereiche Zugang zu Freiflächen haben. Trotz dieser speziellen Vorgaben sind in allen Fällen architektonisch spannende und sehr unterschiedliche Projekte entstanden. Für mich ist wichtig, dass sich die Architektur an den Bedürfnissen von Kindern und Pädagoginnen und Pädagogen orientiert. 

Eine letzte Frage an dich als Experten: Waren Kinder früher wirklich höflicher, netter, klüger und immer sauber angezogen?
Nein, Kinder wollten schon immer die Welt entdecken und waren auch immer für Neues zu begeistern! Der Unterschied ist, dass wir ihnen heute die vielfältigsten Möglichkeiten bieten, das auch zu tun. In unseren Kindergärten und Schulen setzen wir gezielt darauf, die Talente und Begabungen aller Kinder zu entdecken und zu fördern. Denn Lernen funktioniert dann am besten, wenn es mit Begeisterung und Freude verbunden ist! Und zum Thema „sauber“ kann ich nur sagen: Was gibt es Schöneres, als nach einem Erlebnistag in der Natur vollkommen dreckig von der Schule nach Hause zu kommen?

Das stimmt! Vielen Dank für das Gespräch.

BIOGRAFIE JÜRGEN CZERNOHORSZKY
Jürgen Czernohorszky wurde 1977 in Eisenstadt als Jürgen Wutzlhofer geboren.  
Nach der Matura begann er ein Studium der Politikwissenschaften an der Universität Wien. 2001 stieg Czernohorszky auf das Studienfach Soziologie um und schloss darin 2008 ab. Politisch engagierte sich der zweifache Vater etwa in verschiedenen Funktionen der Studienvertretung. Nach Stationen als Bundesgeschäftsführer der Österreichischen Kinderfreunde und als Amtsführender Präsident des Wiener Stadtschulrates wurde er im Jänner 2017 zum Bildungs- und Integrationsstadtrat bestellt.