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LEBEN MIT KUNST

Mumok-Direktorin Karola Kraus verrät im Gespräch mit MVÖ-Präsident Georg Niedermühlbichler, wie man auch mit schmalem Budget Kunstsammler werden kann.

  • © Sebastian Freiler
In Ihrem Elternhaus sind renommierte zeitgenössische Künstler ein und aus gegangen. Ihre Eltern, Anna und Dieter Grässlin, haben eine bedeutende Kunstsammlung aufgebaut. Verspürten Sie je den Wunsch, selbst zu malen?
Ich habe in der Tat immer wieder Versuche in diese Richtung unternommen. An den letzten kann ich mich noch sehr gut erinnern, es war 1980. Martin Kippenberger, meines Erachtens einer der wichtigsten Künstler der Achtzigerjahre, war ein enger Freund unserer Familie. Er wünschte sich zu Weihnachten ein von mir gemaltes Porträt und stellte mir sein Atelier mit allen wichtigen Malutensilien zur Verfügung. Das Ergebnis war eine Katastrophe – Martin war völlig geschockt. Als ich seine Reaktion auf mein Werk beobachtete, war mir klar: Mit der Künstlerkarriere wird es nichts. Aber dass ich mich mit Kunst beschäftigen werde, wusste ich bereits damals.

Sie sammeln nicht nur in Ihrer Funktion als Direktorin des mumok Kunst …
Wir sammeln im Familienkollektiv. Mein Vater begann Anfang der Siebzigerjahre, Werke des Deutschen Informel zusammenzutragen, wobei ihm der unmittelbare Kontakt zu den Künstlern extrem wichtig war. Nach seinem Tod führten meine Mutter, meine drei Geschwister und ich die Sammlung Grässlin weiter. Wir entschieden uns damals, die Kunst unserer Generationen, sprich der 1980er- und später der 1990er-Jahre zu sammeln. Die Sammlung befindet sich noch heute in unserer Heimatstadt im Schwarzwald und ist der Öffentlichkeit nach Voranmeldung zugänglich.

Also umgeben Sie sich in Ihrem privaten Umfeld, sprich: in Ihrer Wohnung, auch mit Kunst?
Kunst gehört zu meinem Leben. Ich habe neben der Familiensammlung schon sehr früh angefangen, selbst Kunstwerke zu kaufen. Von meinem schmalen Studentensalär habe ich stets einen kleinen Teil auf die Seite gelegt und damit meine Erwerbungen mit Monatsraten von 50 oder 100 Mark abgestottert, und so zum Beispiel mein erstes Bild von Martin Kippenberger für 200 DM gekauft. Heute ist es wahrscheinlich ein bisschen mehr wert (lacht). In meiner Wohnung umgebe ich mich mit sehr viel Kunst, auch mit Designermöbeln. Alle zwei bis drei Jahre hänge ich alles um.

Mit einem kleinen Budget lässt sich demnach auch Kunst erwerben. Wie gehe ich am besten vor, wenn ich ein Bild kaufen möchte?
Hervorragend eignen sich die Akademien. Die Akademie der bildenden Künste und die Universität für angewandte Kunst in Wien haben einen ausgezeichneten Ruf. Hier werden regelmäßig öffentliche Rundgänge angeboten, bei denen die Studierenden ihre neuesten Arbeiten präsentieren. Man geht durch die Ateliers und trifft dort junge Künstler. Jeder kann hingehen, auch direkt dort kaufen. Oder man besucht Galerien und schaut sich die Arbeiten von lokalen, aber auch internationalen Künstlern an. Ich bin eher dagegen, direkt in die Künstlerateliers zu gehen, mache aber Ausnahmen, wenn die KünstlerInnen noch keine Galerien haben.

Wenn man in den Kunstmarkt investieren möchte und ein Bild kauft, in der Hoffnung auf eine Wertsteigerung – haben Sie dafür einen Tipp? 
Nun ja, der Kunstmarkt hat sich mittlerweile zu einem Kapitalmarkt entwickelt. Kunst kann eine sehr gute Investition sein. Selbst bei lebenden Künstlern werden heutzutage extreme Preise für ihre Werke erzielt. Kunstwerke von jungen Künstlern anzukaufen und zu hoffen, dass nach drei Jahren bereits ein großer Wert zu erwarten ist, wäre ein riskantes Unternehmen. Insbesondere, wenn man mit dem Kunstgeschäft nicht vertraut ist. Wer das anstrebt, sollte einen Berater hinzuziehen. Für mich persönlich stand der monetäre Aspekt nie im Vordergrund, sondern der ideelle. Mich interessierten von Anfang an der persönliche Kontakt zu den Künstlern und das Leben mit der Kunst. Einen Tipp habe ich aber für alle, die Kunst kaufen möchten, aber keine großen Summen investieren können. Im mumok bieten wir von jungen bis hin zu international bekannten Künstlerinnen und Künstlern Editionen an. Das sind meist Auflagenobjekte, die im Unterschied zu Originalarbeiten weitaus günstiger sind.

Apropos junge Künstler: Verfügt Wien über einen ausreichenden Nachwuchs?
Insbesondere möchte ich auch die Galerienszene hervorheben. Die Galerien im 1. Bezirk, in der Schleifmühlgasse oder in der Eschenbachgasse, aber auch die Wiener Secession sind eine wichtige Anlaufstelle für junge Künstler und entsprechend auch für potenzielle Käufer. Nicht zu vergessen das mumok, wo wir neben unserer Sammlung auch Sonderausstellungen mit jungen bis hin zu international bekannten Künstlern präsentieren. Wien ist übrigens eine großartige und rege Stadt. Gerade im Kunstbereich kann sich Wien mit großen Metropolen wie Berlin, London oder New York messen. Und was mich besonders begeistert: Kunst und Kulinarik ergänzen sich in dieser Stadt so wunderbar. Wien ist wirklich lebenswert.

Sie als Profi erkennen die Qualität eines Bildes selbstverständlich sofort und wissen um die Bildsprache in der zeitgenössischen Kunst Bescheid. Aber was mache ich als Laie?
Am meisten lernt man, indem man ganz viel anschaut. Immer wieder Kunst anschauen: in Kunstzeitschriften schmökern oder Kataloge und Literatur über Kunst lesen. Oder sich von einer Galerie, einem Kunstberater oder einem Kurator eines Museums beraten zu lassen. Ich stehe immer wieder Sammlern beratend zur Seite. Wir haben im mumok auch einen Freundeskreis, in den man eintreten und der einen unter anderem bei Kunsteinkäufen beraten kann.

Also ab mit uns ins Museum!
Unbedingt. Museen, Galerien, Off-Räume: einfach immer wieder schauen, schauen, schauen. Und wer sich tiefgründiger mit der Materie auseinandersetzen möchte, dem empfehle ich, die Fachliteratur zu lesen. Bei der zeitgenössischen Kunst muss man oftmals die Hintergründe wissen, hier erschließt sich nicht alles durch das einmalige Hinsehen. Man muss die Kontexte kennen, warum dieses Bild oder jenes Objekt entstanden ist. Man kann auch Kinder nicht früh genug an die Kunst heranführen. Im mumok haben wir einen sehr aktiven Kinderclub mit mehr als 1.500 Mitgliedern. Unsere Veranstaltungen sind äußerst beliebt und meistens ausgebucht. Es gibt auch einen Jugendclub und wir arbeiten sehr eng mit Schulen zusammen. Für uns ist es wichtig, möglichst Menschen aller Altersstufen und sozialen Schichten abzuholen. Kunst kann sensibilisieren und so manche Sichtweise verändern.



Zur Person
Karola Kraus,Direktorin des mumok, Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien. Sie ist die Tochter von Anna und Dieter Grässlin, die in den 1970er-Jahren die private Kunstsammlung Grässlin aufbauten. Kraus und ihre Familie betreuen die wichtige Sammlung zeitgenössischer Kunst nach wie vor (www.sammlung-graesslin.eu). Zwei bedeutende Stationen der Kunsthistorikerin vor ihrer Tätigkeit in Wien: Direktorin des Kunstvereins Braunschweig und die Leitung der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden.

Protokoll: Susanne Dressler
Foto: Sebastian Freiler