Fair Wohnen ist ein Service der Mietervereinigung Österreich

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DIE WOHNPROFIS

Markus Reiter, Geschäftsführer des neunerhaus, spricht mit MVÖ-Präsident Georg Niedermühlbichler über die neue Obdachlosigkeit.

  • © www.sebastianfreiler.com
Herr Reiter, die Mietervereinigung und das neunerhaus sind neuerdings Kooperationspartner. Bitte erklären Sie unseren Leserinnen und Lesern doch bitte kurz, wofür Ihre Einrichtung steht.   
Das neunerhaus ist eine junge Sozialorganisation aus Wien – uns gibt es jetzt seit 15 Jahren – und wir bemühen uns, wohnungslosen, obdachlosen Menschen so rasch wie möglich wieder ein eigenständiges Leben zu ermöglichen. Uns ist es ganz wichtig, dass von Anfang an versucht wird, die Menschen auf ihrem Weg zurück in den Alltag zu stärken. Das neunerhaus ist auch nicht nur ein einzelnes Gebäude, sondern mittlerweile haben wir drei Häuser und es gibt rund 50 Wohnungen in ganz Wien, in denen wir die Leute bei ihrem Neustart ins eigenständige Leben unterstützen. Zudem gibt es eine starke medizinische Versorgung, die 16 Arztpraxen vor Ort in Obdachlosenheimen betreibt, ein medizinisches Zentrum im 5. Bezirk mit einer allgemeinmedizinischen, einer Zahnarzt- und Tierarztpraxis, wo auch die Tiere der Obdachlosen versorgt werden.

Das heißt, obdachlose Menschen haben die Möglichkeit, zu Ihnen zu kommen, bei Ihnen eine Zeit lang Unterschlupf zu finden und Hilfestellung beim wieder selbstbestimmten Wohnen in den eigenen vier Wänden zu erfahren.   
Genau. Das Wohnen an sich verlernt man nicht. Unser Anknüpfungspunkt zur Mietervereinigung ist, dass Menschen teilweise eben auch mietrechtliche Unterstützung brauchen. So wie Unterstützung bei der Stabilität von Zahlungen, bei der Gestaltung des Alltags oder gesundheitlichen Problemen. Aber wohnen selbst kann man von Anfang an. Deshalb haben wir seit zwei Jahren ein Programm, das sich „Housing First“ nennt. Wir vermitteln in Kooperation mit der Wohnungswirtschaft leistbare Wohnungen, in denen wir nach diesem Konzept betreuen: direkt aus der Wohnungslosigkeit hinein ins Wohnen mit mobiler Betreuung – von Beginn an mit eigenem Mietvertrag. Wir haben 50 Wohnungen, die ebenso von Alleinerziehenden wie auch Einzelpersonen oder Familien bewohnt werden, und sie bleiben alle stabil in dieser eigenen Wohnung – es haben auch schon sechs Parteien erfolgreich gesagt: „Wir bleiben in der Wohnung, aber wir brauchen die Betreuung nicht mehr …“ Das funktioniert also sehr gut und ist eigentlich die Zukunft der nachhaltigen Hilfe für obdachlose Menschen.

Was sind denn die typischen Probleme von Obdachlosen, wenn sie dann in eine dieser Wohnungen kommen? 
Es sind strukturelle und individuelle Gründe, die dazu führen, dass jemand obdachlos wird. Am Arbeitsmarkt können Menschen etwa immer schwieriger Fuß fassen, haben häufig nur eine temporäre Beschäftigung und damit eine Einkommenssituation, mit der die Mietzahlung Monat für Monat wackelt – und dann kann es oft schnell gehen.  Das fällt unter das Stichwort Wirtschaftskrise. Aber es gibt auch individuelle Gründe, etwa gesundheitliche Probleme, die nicht selten dazu führen, dass Menschen ihren Job verlieren und dadurch Schulden anhäufen. Viele Menschen wissen dann keinen Ausweg mehr, man beginnt bei der Heizung zu sparen, schiebt die Stromrechnung auf und fragt sich: Soll ich die Schulden begleichen oder meine – meist auch noch teure – Miete bezahlen? In dieser Situation kommen sie dann zu uns, wo wir mit Sozialarbeit versuchen, alle Punkte in kleinsten Schritten zu bearbeiten. 

Wie kann die Mietervereinigung dabei helfen?
Die Mietervereinigung ist eine wichtige Hilfs- und Beratungsinstitution in dieser Stadt. Sie hat die Kompetenz, die wir für unsere BewohnerInnen und für die MieterInnen der Housing-First-Wohnungen brauchen. Die meisten kommen ja aus einer gesicherten Wohnform, und gemeinsam mit der Mietervereinigung können wir etwa klären, ob nachträglich Ansprüche geltend gemacht werden können, bei Abrechnungen beispielsweise. Zudem benötigen wir gerade beim Neustart in die eigenen vier Wände kompetente und zuverlässige Beratung für alle Fragen rund um die Betriebskostenabrechnung, zum Mietvertrag etcetera. Da seid ihr ein super Partner!

Wir hatten aktuell ja gerade den Fall, bei dem wir dafür gesorgt haben, dass eine Kaution zurückbezahlt wurde. Es freut uns ja auch, dass wir hier einen Beitrag leisten können. Wir als Mietervereinigung sehen uns ja nicht nur als Organisation, die unsere Mitglieder vertritt, sondern auch als Interessensorganisation, die die Interessen der wohnenden Menschen vertritt. Dazu gehören natürlich auch jene, die sich das Wohnen – aus welchen Gründen auch immer – nicht mehr leisten können. Wir kommen damit auch ein bisschen unserem sozialen Auftrag nach. Bundespräsident Heinz Fischer hat bei unserer 100-Jahr-Feier gesagt: Am schönsten wäre es, wenn es eine Organisation wie die Mietervereinigung gar nicht geben müsste, weil es eine gerechte Welt gibt. Das gleiche könnte man über das neunerhaus wohl auch sagen …
Ja, das finde ich auch. Aber trotzdem wünsche ich mir mehr Initiativen und Organisationen wie die MVÖ und das neunerhaus, die Gesellschaftsprobleme aktiv ansprechen und auch konkret und mutig etwas tun. Zudem braucht es natürlich auch eine Veränderung im Wirtschaftssystem. Warum können sich Menschen ihre Wohnungen nicht mehr leisten? Die beste Bekämpfung von Wohnungslosigkeit ist also, mehr leistbaren Wohnraum zu schaffen. Zudem brauchen die Menschen auch in Zukunft ein verlässliches Einkommen, um sich dieses Wohnen leisten zu können. Zu uns kommen ja mittlerweile überwiegend Menschen aus gesicherten Wohnformen, Alleinerziehende, Familien mit Kindern – sie haben mit dem gängigen Bild von Obdachlosigkeit, so wie es Medien immer wieder bringen, längst nichts mehr zu tun.

Das heißt also, das Bild der Obdachlosen im Stadtpark ist eigentlich nur ein kleiner Teil dessen, was Obdachlosigkeit in Wirklichkeit bedeutet?
Man muss sich einmal vorstellen, dass das neunerhaus 1999 von wienweit 3.000 wohnungslosen Menschen mit Unterstützungsbedarf ausgegangen ist. Jetzt, 15 Jahre später, sind wir bei 10.000 pro Jahr – eine enorme Entwicklung, die auch daran liegt, dass Wohnungslosigkeit mittlerweile in vielen Gesellschaftsschichten angekommen ist. 

Welche Themen sind noch aktuell?
In Wien werden immer mehr „Elendsquartiere“ publik, deren BewohnerInnen EU-BürgerInnen sind. Hier sind wir bei einem Zukunftsthema angelangt, das auch mit unserem Zusammenleben der offenen Grenzen im gemeinsamen Europa zu tun hat. Ich wünsche mir, dass Europa zu einer gemeinsamen Sozialunion wird. Das können wir aber nicht als neunerhaus erreichen – das ist Aufgabe der politisch Verantwortlichen. Die Realität zeigt eindrücklich, dass es hier Handlungsbedarf gibt: Mittlerweile kommen viele Menschen aus den neuen europäischen Ländern und versuchen hier Fuß zu fassen, einen Job zu finden. Aber wenn sie dann Probleme bekommen, und etwa obdachlos werden, haben wir derzeit das Thema, dass sie nur bedingt Hilfe erfahren können. Hier meine dringende Empfehlung an die Politik: Wir benötigen eine soziale und europäische Lösung, bei der die Verantwortung nicht länger hin- und hergeschoben wird. 

Wie sieht es denn mit der Akzeptanz des neunerhaus aus? Manche Menschen finden es ja gar nicht so toll, wenn es Leuten in Not „zu gut“ geht – sie zur eigenen medizinischen Versorgung etwa auch noch tierärztliche Hilfe in Anspruch nehmen dürfen. Haben Sie da auch Erfahrungswerte?
Ja, keine Frage, aber uns ist wichtig, die Vorstellungen davon, was Obdachlosigkeit bedeutet und wie man sinnvoll helfen kann, an die Realität heranzuführen. Nämlich dass obdachlose Menschen keine Menschen zweiter Klasse sind, sondern Menschen wie du und ich. Und dann müssen wir auch diesen Menschen zugestehen, dass sie Bedürfnisse haben – wie du und ich: Das Bedürfnis nach einem eigenen Wohnschlüssel, danach, die eigene Wohnungstür hinter sich zusperren zu können und eben auch einen Hund zu Hause haben zu dürfen. Der ist ja manchmal der treueste Wegbegleiter und oft eine wichtige Unterstützung 
gegen Vereinsamung. Es geht um Menschen wie du und ich, die halt ihre Wohnung verloren haben und denen so rasch wie möglich wieder eine eigene Wohnung vermittelt werden soll – und da gehört auch der Hund, die Katze, das Meerschweinderl dazu. Dazu müssen wir stehen. 

Optimalerweise merkt dann gar niemand, dass dieser Mensch, diese Familie obdachlos war …
Absolut, man muss sich nur vorstellen, es kommen immer mehr Menschen zu uns, die einfach aufgrund einer schwierigen Einkommenssituation Probleme haben. Häufig ist auch der befristete Mietvertrag , der nach drei Jahren ausläuft, Ursache der Probleme. Wer dann den höheren Mietzins nicht mehr zahlen kann, muss ausziehen. Dann kommen Übersiedlungskosten, oft auch erneute befristete Mieten und Zinserhöhungen – viele kommen da nicht raus. Das betrifft immer mehr Menschen, die es sehr eng haben im Geldbörserl, und deswegen haben wir ein Ansteigen der Wohnungslosigkeit.

Wie kann man das neunerhaus nun am besten unterstützen? 
In erster Linie mit Spenden. Denn unsere Angebote kosten viel Geld. Und für Aufwendungen, die nicht von der öffentlichen Hand übernommen werden, sowie für ambitionierte Vorhaben sind wir auf Spenden angewiesen. Ich bin auch stolz darauf, dass das neunerhaus seit 2004 ständiger Träger des Österreichischen Spendengütesiegels ist. Genauso bin ich stolz darauf, dass das neunerhaus an die 100 ehrenamtliche MitarbeiterInnen hat. Wir suchen immer Menschen, die uns in ihrer Profession unterstützen – etwa ZahnärztInnen oder TierärztInnen. Auch Köchinnen und Köche, die bereit sind, mit unseren BewohnerInnen Kochkurse zu machen, können sich melden. Oder HandwerkerInnen, die in unseren Wohnungen bei Reparaturen helfen, die der Vermieter nicht übernimmt. 



Wie kann man konkret Helfen?
Geldspenden für das neunerhaus können auf das IBAN-Konto AT 25 3200 0000 0592 9922, Kennwort „neunerhaus“ überwiesen werden. Auch ehrenamtliche Helferinnen und Helfer werden im neunerhaus willkommen geheißen, vor allem Menschen, die mit ihrer Profession unterstützen können (ÄrztInnen, Köchinnen und Köche, HandwerkerInnen …) 
Mehr Informationen gibt es unter: www.neunerhaus.at

Foto: Sebastian Freiler