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SCHRITT FÜR SCHRITT

Sonja Wehsely, Stadträtin für Gesundheit und Soziales in Wien, über Pflegewohnhäuser, medizinische Versorgung und ihren frühmorgendlichen Sport.

  • © Nadja Meister
Georg Niedermühlbichler: Über Krankheiten will eigentlich niemand nachdenken, ganz klar. Aber wer krank ist, schätzt ein gut funktionierendes Gesundheitssystem. Wie ist es darum in Wien bestellt?
Sonja Wehsely: Wir haben ein exzellent funktionierendes Gesundheitssystem. Für mich ist besonders wichtig, dass diese gute medizinische Versorgung für alle Menschen gleich ist, egal wie viel jemand verdient, wie alt er ist, woher er kommt und welches Geschlecht er hat. Das klingt alles so selbstverständlich, aber wenn wir manche Nachbarstaaten betrachten, oder auch Nachbar­bundesländer, dann stellen wir fest: das ist es nicht. Übrigens, gut 20 Prozent der Patienten und Patientinnen, die in Wien behandelt werden, sind nicht aus Wien. Das zeigt doch auch, dass es hier sehr gut funktioniert. 

Verbesserungen sind allerdings immer notwendig. Was ist derzeit Dein größtes Projekt?
Die Wiener Spitäler sind im Durchschnitt rund achtzig Jahre alt und haben eine alte Bausubstanz. Zum Teil verfügen sie über wunderschöne Architektur, aber heute würde man Krankenhäuser so nicht mehr bauen. Ein großes Projekt derzeit ist der Bau des Krankenhauses Nord in der Brünner Straße, das 2016 ­fertiggestellt wird. Hier handelt es sich nicht einfach nur um die Errichtung eines neuen Spitals, an diesen Standort werden gleich drei ganze Krankenhäuser übersiedeln. Das ­Orthopädische Krankenhaus Gersthof, das Krankenhaus Floridsdorf und die Semmelweis-Frauenklinik. Außerdem wird zum Beispiel die Herzchirurgie aus Hietzing hier einen neuen Standort finden und wir planen eine Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Der Bedarf dafür ist sehr groß. Der 21. und 22. Bezirk ist einfach eine riesige Region, größer als Graz, und da braucht es auch eine entsprechende Versorgung für die Menschen. Mit dem Krankenhaus Nord bringen wir modernere Strukturen ins Krankenhaussystem, mehr denn je soll sich alles um die Patienten und Patientinnen drehen.

Große Spitäler sind für Wien wichtig, hier können auch Patienten weit über die Landesgrenzen versorgt werden. Aber wie gewährleistet ist die Versorgung durch praktische Ärzte ?
Ein ganz wichtiger Punkt der letzten Gesundheitsreform ist es, dass der niedergelassene Bereich, also die Arztpraxen, und der Spitalsbereich gemeinsam geplant werden. Der wichtigste Arzt ist der, der da ist. Viele Patienten und Patientinnen kommen nicht in die Spitalsambulanzen, weil sie so schwer krank sind, sondern weil dort Ärzte und Ärztinnen auch außerhalb der klassischen Praxisöffnungszeiten vor Ort sind. Krankheiten richten sich nicht nach Öffnungszeiten und von Freitag Nachmittag bis Montag in der Früh ist es oft schwer eine offene Praxis zu finden. Wir arbeiten hier eng mit der Wiener Gebietskrankenkasse zusammen. Ich bin schon ein bisserl stolz darauf, dass wir in Wien Vorreiter der Gesundheitsreform sind.

Was wird gerade umgesetzt?
Vis à vis vom Donauspital wird eine Primärversorgung eingerichtet, in der nicht nur Ärzte und Ärztinnen zur Verfügung stehen, sondern auch diplomierte Krankenpflegerinnen und -Pfleger. Ein zweites dieser Art eröffnen wir im innerstädtischen Bereich, in Mariahilf. Und das dritte ist im 15. Bezirk geplant. Mehr Berufsgruppen unter einem Dach für eine bestmöglichste Versorgung. Es ist ganz einfach, die Qualität muss stimmen und der Arzt und die Ärztin vor Ort sein. Schritt für Schritt wird es uns gelingen, die Versorgung im niedergelassenen Bereich zu verbessern.

Du bist auch Stadträtin für Soziales und dadurch für Pflegewohnhäuser zuständig. Jeder will so lange wie möglich in seiner Wohnung bleiben. Wie kann die Stadt Wien das ermöglichen?
Wir bieten maßgeschneiderte Konzepte: Das Angebot der mobilen Dienste ist in den letzten Jahren sehr stark erweitert worden; Heimhilfen, Besuchsdienste können wir schnell, bereits im Spital, organisieren. Binnen 24 Stunden stehen Helfer und Helferinnen nach einer Krankenhausentlassung zur Verfügung. Wir bieten Tageszentren für pflegebedürftige ältere Menschen, insbesondere, um die Angehörigen zu entlasten. Wenn man eine nahestehende Person pflegt, braucht es nicht nur ein großes Herz, sondern auch Kompetenz und viel Unterstützung. 2007 habe ich angekündigt, dass wir 2015 kein einziges altes Pflegeheim mehr in der Stadt sehen werden. Und das Schöne an der Kommunalpolitik, aber auch das Anspruchsvolle, daran ist, dass Versprechen gut prüfbar sind. Wenn man jetzt, 2015, durch Wien fährt, dann kann man es sehen: Es gibt kein altes städtisches Pflegeheim mehr, sondern nur mehr moderne Pflegewohnhäuser. Und auch meine persönliche Vorgabe wurde erfüllt: Von außen sollen sich Pflegewohnhäuser nicht mehr von den Genossenschaftswohnanlagen unterscheiden. Innen wird Wohnlichkeit verströmt und gleichzeitig die beste medizinische und pflegerische Betreuung geboten. 

Die Jüngeren wiederum kämpfen oft mit fehlendem Geld für Miete und Heizkosten. Welche Maßnahmen ­stehen hier zur Verfügung?
Zum Beispiel die Wiener Energieunterstützung. Hier helfen wir nachhaltig. Wenn Bezieherinnen und Bezieher einer Mindestsicherung oder Mindestpensionistinnen und Mindestpensionisten mit Mobilpass die Heizungsrechnung nicht zahlen können, dann wird diese nach Prüfung der sozialen Bedürftigkeit beglichen, vor allem aber kommt ein Energieberater oder eine Energieberaterin ins Haus. Diese überprüfen die Energiefresser in der Wohnung, suchen zum Beispiel nach schlecht isolierten Fenstern oder alten Kühlschränken und Waschmaschinen. Vor allem aber beraten die Expertinnen und Experten wie man es besser machen kann, und die Stadt Wien unterstützt auch finanziell bei der Umsetzung der Maßnahmen. Das ist viel effektiver als eine verhältnismäßig geringe Summe zu verteilen.

Du sprichst den ehemaligen Heiz­kostenzuschuss an?
Genau. Der Heizkostenzuschuss betrug 100 Euro, die im Jänner ausbezahlt wurden. Wenn im August aber die Nachzahlung von der Fernwärme gekommen ist, hatten die wenigsten die 100 Euro parat und schon gab es wieder ein Problem. Mit der Wiener Energieunterstützung bekämpfen wir Energiearmut zielgerichtet und treffsicher.

Und wenn nun doch jemand in eine Notlage gerät?
Die bedarfsorientierte Minderstsicherung unterstützt hier. Aber auch begleitende Maßnahmen sind extrem wichtig. Denn Ziel muss es sein, dass eine Arbeit gefunden wird. Raus aus der Mindestsicherung, denn die beste Bekämpfung der Armut ist natürlich ein Arbeitsplatz. Wir haben derzeit nicht die einfachsten Zeiten, wir wissen zwei Drittel derjenigen, die eine Mindestsicherung beziehen, haben maximal einen Pflichtschulabschluss. Bildung, Fort- und Ausbildung und lebensbegleitende Maßnahmen sind der Schlüssel zu einem Leben, in dem man von seiner Arbeit auch tatsächlich leben kann.

Zum Schluss noch eine private Frage: Wie hältst Du Dich fit?
Laufen und ins Fitnesscenter gehen, dafür muss Zeit sein. Diese Termine stehen fix in meinem Kalender. Allerdings zu Zeiten, wo ohnehin wenige Termine anstehen: Nämlich etwa um sechs Uhr in der Früh.

Protokoll: Susanne Dressler 
Foto: Nadja Meister

ZUR PERSON
Sonja Wehsely wurde 1970 in Wien-Leopoldstadt geboren. 1995 Sponsion zur Magistra der Rechtswissenschaften, Gerichtsjahr, Personalmanagerin in einer Versicherung und seit 1992 aktiv in der Wiener Politik tätig: Vorsitzende der SJ Wien, Bezirksrätin in Wien-Leopoldstadt, Abgeordnete zum Wiener Landtag und Mitglied des Gemeinderates der Stadt Wien, Stadträtin für Integration, Frauenfragen, KonsumentInnenschutz und Persona, seit 2007 stellvertretende Vorsitzende der SPÖ-Wien und amtsführende Stadträtin für Gesundheit und Soziales in Wien. Die Mutter eines Sohnes ist seit 2013 auch Vorsitzende der SPÖ-Leopoldstadt.